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In Vorbereitung des 90-jährigen Schuljubiläums im Jahr 2012 sind die ersten Seiten zur Historie entstanden. Durch zahlreiche Recherchen, das Sichten noch erhaltener Urnterlagen, der Sicherung von Fundstücken und nicht zuletzt der Übergabe aus dem Nachlass ehemaliger Schülerinnen wurde das aufbereitete Angebot möglich. Allen Beteiligten herzlichen Dank.

Schuleröffnung 1922Die Hohenlohe'sche Frauenschule Kupferzell beging gestern ihre Schlußprüfung und verband damit gleichzeitig den Akt der Einweihung. "Der ist Meister, der das Leben meistert", so hieß es in einem warmempfundenen, gestern zum Vortrag gekommenen Gedicht einer Hohenloher Landfrau und dieses Motto ernstester Arbeit kennzeichnete die junge Anstalt, die ohne die geringste Übertreibung als Musterschule anzusprechen ist. Der Vormittag galt der Schlußprüfung der ersten 12 Schülerinnen; von der Landwirtschaftskammer, der Eigentümerin des Schlosses waren erschienen: der spiritur rector des Ganzen, Direktor Ströbel und Dekonomierat Bazlen, die Vorsitzende der württ. landwirtschaftl. Frauenvereine.

I. D. Frau Fürstin Hohenlohe von Waldenburg, Vertreter der Bezirksvereine Oehringen und Hall, des Oberamts Hall, der Gemeinde Kupferzell, Bez.-Schulinspektor Schulrat Ehni und viele geladene Gäste. Die Prüfung umfaßte Gartenbau und Gesundheitslehre (Vorsteherin Frl. Bausch), Ackerbau und Tierzucht (Dek.-Rat Krattenmacher), Haushaltungskunde und Nahrungsmittellehre (Frl. Herter), Rechnen (Oberl. Künzel), Heimatkunde (Pfarrer Murthum) und Bürgerkunde (Pfarrer Selzle). Die Lehrmethode bewies den Geist der Anstalt: die junge Art, die schon bestehenden oder keimenden Kräfte vorteilhaft zu erkennne, sie zum Nutzen vieler zu verwenden; sie zeigte, daß die Schule bestrebt ist, der Jugend früh Ehrfurcht vor der Arbeit einzuprägen, ihr mit gutem Beispiel voranzugehen. Man fühlte, hier muß ein altes, starkes Band wieder neu geknüpft, ein zum Teil unterbrochener Kulturstrom in ein frisches Bett geführt werden.

Nach der Prüfung sprach Direktor Ströbel in seiner mitreißenden Art in seinen gütigen Worten zu der Jugend und zollte den Lehrerinnen für ihre unermüdliche, selbstlose Arbeit die höchste Anerkennung, er teilte den Beschluß der Landwirtschaftskammer mit: die Vorsteherin Frl. Bausch und die Lehrerin Frl. Herter seien zu lebenslänglichen Beamten ernannt. Daran schloß siche eine Besichtigung der Anstalt und des Betriebes an, die Führung hatten die Lehrerinnen und Frl. Deck von der Landwirtschaftskammer. Das alte Schloß, das auch äußerlich ein neues Gewand trägt, ist in erstaunlich kurzer Zeit zu einem wunderschönen, behaglichen Haus geworden, die Wohnzimmer haben gewiß nicht nur das Entzücken der anwesenden Damen hervorgerufen, das "Blumenzimmer", das "Himmelreich" erfreute alle. Küche, Vorratsräume, die kleine Molkerei, alles musterhaft. Ganz besonderer Beachtung erfreute sich der Ausstellungsraum, in dem die landwirtschaftlichen Erzeugnisse zur Schau standen und das Erstaunen vieler auslösten. Daneben allerlei Backwaren, vom einfachen Brot bis zur erlesenen Torte, viele delikate, leckere Erzeugnisse der Kochkunst. Schweine- und Geflügelställe vorbildlich desgleichen der große Garten. Fachleute drückten ihr Erstaunen darüber aus, wie aus einem Nichts in wenigen Monaten durch zwei Lehrerinnen ... Schülerinnen dieser Musterbetrieb geschaffen werden konnte.

Der Nachmittag gehörte der Einweihungsfeier im Kronen-Saal. Zu Beginn gab Direktor Ströbel einen Rückblick über die Entstehung der Schule; seine Darstellung bewies die Großherzigkeit von allem Beengenden völlig Befreiten der Landwirtschaftskammer. Der geistvolle Redner führte aus, daß es der Kammer Bedürfnis sei, dem Bauernstand, der Familie wieder die alte, führende Stellung zu geben und damit dem Volksganzen den wertvollsten Dienst zu erweisen. Die Schule wolle rechte deutsche Frauen erziehen, die ihrerseits zur Erziehung ganzer, echter Männer berufen seien. Diese Aufgabe sei das vornehmste Ziel der Kammer; unausgesetzte Bemühungen führten zum Kauf zweier sich ergänzender Objekte, zu Kupferzell und Blaubeuren.

Dank des großherzigen Entgegenkommens I. D. der Fürstin sei es möglich gewesen, das Schloß Kupferzell mit 54 Morgen Areal zu erwerben; es sei geplant, hier eine Obstzuchtschule großen Stiles anzulegen. Der warme, aufrichtige Dank an das Fürstenhaus fände seinen Ausdruck darin, daß die Schule "Hohenlohe'sche" heißen solle. Der Redner begrüßte die schon genannten Vertreter der verschiedenen Körperschaften, deren kraftvolle Unterstützung er erbat. Es sprachen darauf Schultheiß Dutt - Kupferzell, dessen Tatkraft die Schule viel verdankt, Landtagsabgeordneter Zentler fand in markigen Worten ungeteilte Anerkennung. Für das Oberamt Hall dankte der Oberamtsverweser und schließlich stattete I. D. die Fürstin mit dem Ausdruck der wärmsten Verehrung des Unternehmens den Dank an Direktor Ströbel ab. Die Fürstin freute sich, daß in dem so lang verträumt gelegenen Schloß nun warmes, pulsierendes Leben herrsche, der Pulsschlag, der im Schlosse ertöne, müsse zum Segen Vieler gereichen. Nun kam die Jugend zu ihrem Recht. Die Schülerinnen gaben reizvolle Bilder aus Schillers "Glocke" und sonstige dankbar aufgenommene Gaben, zu denen die Lehrerinnen mit viel Humor das ihre taten. Alles in Allem: ein wertvoller Tag, den gewiß niemand missen möchte.


Zeitung Presse vom 23.09.1922

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